Rollenveränderungen

Grenzen wahrnehmen

Nicht wenige Angehörige von Krebspatientinnen und Krebspatienten berichten, zumindest zeitweise an ihre Grenzen zu stoßen, körperlich wie psychisch. Sie hadern mit ihren neuen Rollen und zusätzlichen Verpflichtungen. Sie fühlen sich überfordert, in ihrer Freiheit eingeschränkt, überlastet und erkennen sich selbst nicht wieder, wenn sich ihre Fürsorge mit der Zeit in Verzweiflung, Wut oder Ablehnung verwandelt.

Sie ertragen es kaum, sich immer wieder hilflos zu fühlen, wenn sie den geliebten Menschen leiden sehen und kaum etwas tun können, um zu helfen oder die Situation zu verbessern. Womöglich verändert sich der geliebte Mensch stark oder wird zum Pflegefall und es scheint keinen Weg zurück zu geben – in die Zeit vor der Erkrankung, als noch alles gut war. Manchmal steht auch ein Abschied bevor, der die Angehörigen innerlich zerreißt und in ihren Grundwerten erschüttert. Eine solche Belastung kann großes seelisches Leid auslösen.

Haben Sie auch manchmal das Gefühl, an Ihre Grenzen zu kommen?

Während der Bestrahlung nach der Operation hat es mir gutgetan, zu helfen, und ich hab mich auch ein wenig geehrt gefühlt, dass sie nur mich für die Pflege akzeptiert hat. Jetzt sind aber viele Monate vergangen und mir wird das deutlich zu viel, sie besteht aber weiter darauf, dass nur ich die Pflege mache. Und ich mache es, weil ich weiß, dass die Pflege im Intimbereich ihr unangenehm ist, das verstehe ich auch. Aber mir geht es auch an die Nieren, ich will und kann das nicht mehr, das macht mich richtig fertig. Letztens konnte ich auch nicht mehr an mich halten, da war ich total ungeduldig und hab auch ein paar fiese Sachen gesagt. Das kam einfach so aus mir raus. Für mich ist das ein Alarmsignal und deswegen suchen wir jetzt nach einem ambulanten Pflegedienst. Um Rita zu beschwichtigen, werde ich ihr sagen, dass wir auf Frauen bestehen und wir die Personen vorher gemeinsam kennenlernen, um zu sehen, ob es passt. Ich werde versuchen, Rita soweit wie möglich entgegenzukommen, aber ich muss das tun.

Birgit (51 Jahre) kümmert sich um ihre an Gebärmutterkrebs erkrankte Schwiegermutter Rita (80 Jahre). Seit der sehr belastenden Behandlung vor zwei Jahren ist der Tumor nicht wieder aufgetreten. Rita leidet aber nach wie vor unter den Behandlungsfolgen: Inkontinenz und Schleimhautprobleme.

Ich habe mich im Verlauf der Erkrankung schon auch mal für eine Zeit zurückgezogen, wenn es mir zu viel wurde und ich mich um meine eigenen Baustellen kümmern musste. Ich habe versucht, Azra das dann offen zu sagen, damit bin ich ganz gut gefahren. Auch Azra fand es gut, dass sie dann Bescheid wusste und hatte auch Verständnis dafür. Sie meinte, es ist für sie wichtig, dass man sich nicht einfach zurückzieht, ohne etwas dazu zu sagen. Das fühlt sich dann an wie eine persönliche Ablehnung, das verstehe ich. Wenn man darüber spricht, kann man erklären, dass es einfach nur im Moment zu viel ist und dass man sich meldet, sobald man wieder mehr Ressourcen hat.

Meryem (31 Jahre) hilft ihrer Cousine Azra (33 Jahre), die an einem medullären Schilddrüsenkarzinom erkrankt war. Die Behandlung ist abgeschlossen und die Prognose ist gut. Azra ist alleinerziehende Mutter einer 5-jährigen Tochter.